Wissen
Ist das ein Lee oder nicht?

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Die Situation
Wir flogen beim Schilthorn und wollten über das Lauterbrunnental Richtung Jungfrau queren. Eine Kundin im Coaching, ich vorne. Drüben ein Südwesthang, darüber in über 4000 m eine zerrissene Thermikwolke, die Nordwestwind zeigte.
Vor so einer Querung stehen zwei Fragen im Raum. Ist unter der Wolkenbasis auf etwa 3000 m auch Wind drin? Und hat es drüben Thermik, die ich nutzen kann?
Der Berg, auf den ich zufliege, liegt bei Nordwest im Lee. Sein Hang schaut nach Südwesten und bekommt die Sonne, im Windschatten liegt er trotzdem. Die Frage ist also eine andere: Greift die Höhenströmung bis unter die Basis durch, oder ist die durchmischte Schicht darunter entkoppelt? Das ist ein Unterschied, den man besser prüft als rät.
Also habe ich gewartet. Vor der Querung. In meiner Thermik, im Steigen und bei jedem Kreis die Wolke drüben angeschaut. Standbild, Kreis, Blick, wieder Kreis.
Was ich beobachtet habe
Drei Dinge, unabhängig voneinander.
Erstens die Wolke. Oben ist sie von uns aus nach rechts geneigt, Richtung Südost. Dort nimmt der Wind mit der Höhe zu.

Eine Wolke schaue ich aber nie als Ganzes an. Ich suche mir ein einzelnes Merkmal und schaue es ganz genau an. Hier war es ein kleiner Wolkenfetzen, der unten aus der Basis heraushing. Den habe ich über fünf Kreise verfolgt: Bewegt er sich? Verändert er sich?
Dazu die zweite Frage: Wo bildet sich die Wolke neu? Oben am vorderen Rand, links, entstanden laufend neue Fetzen, die sofort nach rechts gekämmt wurden. Das ist eine Wolke, durch die Luft hindurchströmt. Unten passierte das nicht, Nachschub, aber keine Kämmung. Dort sieht es aus, als wäre kein Wind drin.
Diese sogenannten «kleinen Fetzen» unter der Thermikwolke kondensieren laufend an ihrer Basis nach. Es cumuliert von unten in die Wolke hinein. Diese Fetzen sind klein und kurzlebig. Wie die sich bewegen, ist ein direkteres Bild der Luft auf Basisniveau. Bei uns zogen sie leicht nach links, in die Wolke hinein. Also gegen die Windrichtung, die das gekämmte Oben vermuten lässt.
Zweitens mein eigener Kreis. Ich war im Steigen auf 2900 m vor der Querung und trieb kaum ab. Das sieht man auch am Gerät: Auf dem Vario verschiebt sich der Kreis auf der Spur und viele Geräte rechnen daraus direkt eine Windrichtung und eine Zahl in km/h.
Der eigene Abdrift ist die direkteste Windinformation, die ich in der Luft habe. Aber auch sie will gelesen werden: Sie zeigt mir die Verlagerung des Schlauchs, nicht sauber den Wind. Starke Kerne steigen steiler und driften langsamer, schwache schneller. Die Zahl auf dem Vario ist deshalb genau so gut wie der Kreis, aus dem sie stammt. Ein guter Anhaltspunkt, kein Messwert.
Drittens die Livewerte. Die Station bei der Silberhornhütte in der Nähe unseres Ziels der Querung auf 2700 m war ruhig. Sie steht auf der Seite, auf die ich zufliege, fast auf meiner Höhe. Deshalb zählt sie hier überhaupt.
Auch dieser Wert will gelesen werden. Eine Station misst einen Punkt, auf einer Höhe, an einem Standort mit eigenem Charakter. Der Haken ist hier ein besonderer: Ruhig im Windschatten kann heissen, dass kein Wind da ist. Es kann auch heissen, dass die Station selbst geschützt steht. Ein tiefer Wert aus einem Lee ist deshalb genau der Wert, dem man am wenigsten trauen darf. Ich habe ihn als drittes Indiz genommen, nicht als Entwarnung.
Alle drei zusammen hiessen für mich: unter der Basis greift die Höhenströmung wahrscheinlich nicht durch.
Wahrscheinlich. Nicht sicher. Der Unterschied ist mir wichtig. Eine stehende Wolke zeigt dir die Luft auf Basisniveau, an dieser einen Stelle.
Wind zeigt sich in der Wolke, du musst nur wissen, wonach du schaust. Entweder ist gar keine da. Oder sie steht verschoben zur Abrisskante statt darüber. Oder sie ist gekämmt und zerfetzt. Auf dem Bild siehst du das oben, unten nicht.
Die Fetzen oben dürfen ziehen. Der Block darunter zählt.
Wieso ich trotzdem geflogen bin
Nicht wegen der Wolke. Wegen des Rückwegs. Und weil ich vorfliege.
Der Rückweg war ausgerechnet, bevor wir losflogen. Das mache ich mit XCTrack und burnair Go: Ich setze einen Punkt auf die Thermik, aus der ich komme. Dann zeigt mir das Gerät die Gleitzahl, die ich brauche, um wieder dort hinzukommen. An diesem Tag hiess das: Auf 2000 m bin ich mit einer Gleitzahl 8 zurück.
Diese Zahl ist eine gerade Linie durch die Luft, sonst nichts. Gelände, Wind und Steigen oder Sinken auf dem Weg sind darin nicht enthalten. Deshalb ist die 8 auch keine Regel, die du übernehmen kannst. Sie war meine Zahl, für diese Strecke, mit dem Wissen, wie es unterwegs aussieht. Was du übernehmen kannst, ist das Vorgehen: eine Zahl setzen, bevor du losfliegst, und ihr genug Luft nach unten lassen, dass Wind und Sinken sie nicht auffressen.
Wer weiss, wo sein Plan B oder C liegt, fliegt die Querung anders.
Ich fliege vor. Die Kundin etwas hinter mir. Was die Luft dort drüben macht, zeige ich, bevor sie drin ist. Sonst hätte ich direkt umgedreht.
Der Funk war die Abbruchlinie. Wäre es Lee gewesen, hätte ich es als Erster gemerkt und gesagt: umdrehen, zurück zur alten Quelle. Rechtzeitig, nicht an der Stelle, an der es weh tut.
Die Wolke hat mir gesagt, dass die Querung plausibel ist. Der Rückweg und die Reihenfolge haben mir erlaubt, es zu probieren. Beides zusammen, in dieser Reihenfolge.
Querungsentscheidungen laufen bei mir immer nach demselben Muster: beobachten, analysieren, entscheiden. Hier hiess das: ein Merkmal an der Wolke, fünf Kreise lang. Ein Rückweg als Zahl. Und dann erst der Entschluss. Jede Querung ist anders, das Muster ist jedes Mal gleich.
Der Teil, den ich an dieser Methode mag: Je näher wir an die Wolke kamen, desto länger und besser konnten wir beobachten. Die Entscheidung fällt über die ganze Querung hinweg, ich prüfe sie bei jedem Blick nach.
Was mich zum Umdrehen motiviert hätte
Drei Dinge, die ich mir vor dem Losfliegen gesagt habe:
Der untere Block fängt an zu wandern. Die Fetzen oben dürfen ziehen. Der Block darunter zählt.
Drüben bildet sich keine Wolke mehr nach. Das ist kein Beweis für Wind. Meistens ist die Luft einfach zu trocken geworden, dann steigt es weiter, nur ohne Wolke. Ich behalte es trotzdem als Umkehrkriterium, weil es mir sagt, wann ich genauer hinschaue. Im Zweifel drehe ich um.
Der Rückweg wird knapp. Sobald der Gleitpfad zur alten Thermikquelle unter die Zahl fällt, die ich mir vorher gesetzt habe, könnte ich umdrehen. Auch wenn die Wolke noch steht.
Der umgekehrte Fall: gar keine Wolke
Wenn über einem besonnten Hang gar nichts entsteht, ist die Luft meistens schlicht zu trocken. Es steigt, es reicht nur nicht für eine Wolke. Es kann auch eine Sperrschicht darüber liegen, der Hang kann gar nicht auslösen, oder hohe Bewölkung nimmt ihm die Sonne. Und ja, es kann auch Wind sein, der die Thermik zerreisst. Trotzdem prüfen.
An Pässen siehst du das typisch. Dort treffen Talwind und/oder Höhenwind zusammen und müssen durch dieselbe «Lücke». Wo es eng wird, wird der Wind schneller. Was dann durchbläst, reisst die Thermik auseinander, bevor sie überhaupt zusammenkommt. Thermik braucht Ruhe. Sie entsteht dort, wo sich die Luft ungestört erwärmen und ungehindert aufsteigen kann.
Wenn du allein fliegst
Meine Kundin hatte an diesem Tag zwei Dinge, die du allein nicht hast: jemanden vor sich und einen Funk, über den ein Abbruch in Sekunden bei allen ankommt.
Die Beobachtung funktioniert trotzdem gleich: die Wolke, dein Abdrift, die Nachbildung drüben. Was sich ändert, ist die Reserve. Ohne Vorflieger bist du selbst der Fühler und die Marge muss grösser sein: früher entscheiden, mehr Höhe mitnehmen, den Rückweg grosszügiger rechnen.
Wer zuerst reinfliegt, zahlt für die Information. Das ist im Coaching mein Job. Allein ist es deiner.
Und, war es ein Lee?
Nein. Aber die Antwort kam später, als man meinen könnte.
Auf der Querung selbst ist nichts passiert. Kein Schütteln, kein Absaufen und auch kein gutes Zeichen. Nur Gleiten.
Über dem Hang dann ganz leichtes Steigen. Das erste gute Zeichen. Und zwar nicht, weil es stieg. Steigen findest du im Lee auch. Sondern weil es ruhig war.
Das eigentliche Steigen kam an einer markanten Abrisskante, einem steilen Grat. Der übrige Hang war homogen und gab der Thermik keinen Grund, sich vom Gelände zu lösen. Auch das gehört zur Antwort: Die Wolke hat mir gesagt, dass ich drüben etwas erwarten darf. Wo ich ansetzen muss, hat sie mir nicht gesagt. Das stand im Gelände.
Und dann nichts mehr. Kein Leezeichen unter der Thermik, keines auf dem Weiterflug Richtung Eiger.
Und trotzdem: Dass es aufgegangen ist, macht die Entscheidung nicht richtig. Hätte es drüben unruhige Luft oder Sinken gehabt, wäre der Rückweg immer noch dagewesen. Das war der Teil, auf den es ankam.
Eine Entscheidung und ihr Ergebnis sind zwei verschiedene Dinge. Beim Streckenfliegen entscheidest du unter Unsicherheit: Du weisst nie sicher, ob die Wolke vor dir noch trägt, ob der Talwind schon eingesetzt hat, ob die Querung reicht. Aber das macht es doch gerade so spannend.
Jetzt bist du dran
Du hast das Bild gesehen, bevor du meine Antwort kanntest. Was hättest du gemacht, gequert oder gewartet? Und woran hättest du es festgemacht?
Schreib mir: info@streckenfliegen.com. Ich lese jede Mail.
Wolken sagen dir auch, wo genau du hinfliegen musst. Steht die Wolke versetzt zum Auslösepunkt, steht die Thermik dazwischen schräg. Wohin du dann zielst, zeichne ich in einem kurzen Video ein: Thermik mit Windversatz erkennen.
P.S. Das war mein erster Newsletter. Ab jetzt kommt einmal im Monat einer, mit einem Learning als Artikel oder als Video. Schreib mir kurz, wie dieser hier bei dir angekommen ist: zu lang, zu detailliert, gerade richtig? Und die Sache mit der Abrisskante zum Schluss, dass die Wolke sagt ob und das Gelände sagt wo: Wäre das ein Thema, das dich interessiert? Dann nehme ich es als Nächstes.